Marburger Nachtmarathon 2018, ich bin dabei....

18/06/29 Marburg, Hessen, Germany

Marie greift mich und schreibt ein Artikel über das Pendlerleben in der oberhessischen Presse. Das war 2012, damals habe ich in Marburg, ach was schreibe ich, war ich in Cölbe beschäftigt und bin nach Bargteheide bei Hamburg gependelt. Nicht Marburg, Hamburg oder Peking, sondern Cölbe ist der geografische Mittelpunkt der EU. Gewohnt habe ich in Cappel. Und manchmal, wenn das Rad zu langweilig wurde, bin ich von Cappel nach Cölbe gelaufen. Durch Marburg und habe mich gewundert, was die Zahlen auf den Steinen meinen.

Just in diesem Jahr habe ich dann auch meinen ersten Marathon gelaufen, in Plettenberg. Einfach hat es mir ein 100 Meilenläufer gemacht. Ich hatte ihn nach der besten Startegie gefragt. Ob nun eine Stunde laufen, eine Stunde wandern oder gleich „all in“ und dann auf allen Vieren out. Er lächelte nachdenklich und sagte: Marathon geht immer. Verdammt, dachte ich, was für eine arrogante Aussage.

 

 

Heute hilft sie mir und zusammen mit 100 gehen immer (auf dem Rad) nimmt sie mir die kleine Angst vor der großen Tat und der Ungewissheit ob ich es schaffe. Aber die Ungeissheit gibt es nicht, denn Marathon geht immer. Und so sitze ich am Frühstückstisch, die Sonne scheint und ein Strahl kitzelt mich wach zu neuen Taten. Den letzten Drachen habe ich versucht in Greifensteinlauf zu töten. Und so suche ich im Laufkalender nach weiteren Drachen. Die sind ausgestorben sagt Laura, ein Teil des Sonnenscheines, meine Ältern haben alle gefunden und vor mir erlegt. Das Abenteuer ist vorbei.  

Plötzlich huscht der Marburger Nachtmarathon über das Display, und schon wieder weg. Schnell zurück, kurz die Daten checken, der flow ist gut. Die Anmeldung ist noch weit geöffnet. Einen Moment zögere ich, ob ich die halbe oder ganze Distanz reinschmeiße, Scheiße, da ist das Handy weg. Laura hat es. Verdammt, ich war zu erregt, denn nachts laufen, nach dem Besuch auf der Beschäftigung und das alles ume Ecke in bekannten Gefilden. Ihre blauen Augen leuchten heller als das Handy. Dann sind sie zu. Und ich immer noch nicht angemeldet. Ich weiss nicht, ob ich das schaffe, flüstert sie. Marathon geht immer, denke ich und sage: Ist doch noch eine Woche zeit zum üben, auf Alkohol zu verzichten und rechtzeitig ins Bett zu gehen. Sie braucht Sicherheit, Dominanz und Inspiration. Die Grundpfeiler des menschlichen glücklichSeins im Rudel.

 

Nichts leichter als das:

 

Wir gehen laufen, 20km. Das gibt Sicherheit.

Sie darf sich selbst Anmelden, Hohheit über die Homepage.

 

Und ich würde mich freuen, sie dabei zu haben.

 

Die 20km sind sicher geschafft, das Startgeld angewiesen und wir freuen uns auf Freitag. Eine Woche Vorbereitung sollte reichen, denn Marathon geht immer. Laura wird am Start stehen und sich auf 21km freuen, ich auf die 42.

 

Und so stehen wir da, auf dem Marktplatz, die Freude tief drinnen. Mit uns 1200 Halbmarathonies, 120 Ganze und in der Staffel wird geviertelt. Viertel vor 19 Uhr beginne ich mich warm zu machen. Der Rest muss das nicht oder ist schon war. Bei mir ist das so: Alles was am Start schon verkürzt ist, wird nicht länger; Außnahme: die Strecke. Pünktlich um 19Uhr ergießt sich der Läuferstrom vom Marktplatz ins Barfüßer Tor, vorbei an schnitzelzehrenden Bügelfalten und Salatessenden Sommerkleidern. Verschwitzt bügeln wir die erstern Meter weg, denn es ist Sommer, da haben wir den Salat, viel zu warm mit 32 grad.

 

Durch die Stadt down to the River, großes Kino an der Ecke und ein letzter Segen vor der e-Kirche. Die Sonne brennt noch immer. War ich gerade noch in Lauras Nähe, mache ich selbst mein Tempo. Ziel ist es noch heute an zu kommen. Heiße Kiste, immer noch. Die Rocker brauchen viel kühles Blondes, der Nachbar sprengt heute nicht den Rasen, sondern glänzende Körper auf der Straße.

Der erste Wendepunkt ist geschafft, auf dem Radweg zurück vom OBI in die Stadt. Wo im Winter das Hochwasser steht, laufen heute Athleten mit trockenen Kehlen, unterhalb vom Bahnhof.

 

 

Eine kleine Bergwertung vor dem Untergang der Philotürme und schwupps, das bunte Folk ist am Drehpunkt der nächsten Schleifen. Oder schon viel weiter. KM11. Die Stimmung ist super. Und noch immer lacht die Sonne.

 

Eine weitere Verpflegung lädt zum verweilen ein. Schnell ein Paar Becher, gefüllt mit Iso, gegriffen und Salzgebäck auf die Hand. Kurz wandern, damit der Tropfen auch die Kehle trifft und den Staub im Mund löst. Weiter, vor bei an „open air“ Vorlesungen der hisigen Studenten zum Thema Gährprozeß, sinnvolle Unterstützung des Lernprozesses mit vollwertiger Nahrung und Tatoofrei Zone, weil reine Haut rein haut, meint Rainer.

 

 

 

Dann die Stadt im Schatten verlassen und die Agrarzone durchlaufen. Immer wieder wird von fleißigen Helfern Verpflegung gereicht, motiviert und aus Wäschekörben Schwämme gefischt. Nach dem die B3 verlassen wird, erreiche ich den Planetenweg. Ein Bauer hat schon die Ernte eingefahren und so liegt die Sonne im Stroh. Bis Marburg ist unser Sonnensystem im verkleinerten Maßstab dargestellt. Mit der Sonne im Rücken, Licht und Wärme von der einen Seite und Yvonne an der anderen Seite werden die paar Meter an der Lahn bis Marburg kurzweilig erledigt, denn Yvonne ist mein Tempo. Wir können uns gut unterhalten und trotzdem fliegt der Rastplatz, das Schwimmbad und dann auch der Sportplatz an uns vorbei. Noch mal Links, eine weitere Runde an Studenten vorbei, über Felder Richtung Cappel. Yvonne drückt sich ein Gel durch die Lippen und zündet den Turbo. Die bin ich los, weine ich. Tempowechsel sind der Tod in den Wechseljahren und so folge ich ihr, bis das Gel an Wirkung verliert und ich sie doch noch auf eine richtigen Drink an der nächsten Leibe einladen kann. Ich muss immer weiter laufen, sonst blockieren die Gelenke, ihr geht es auch so. Nur der Besuch am Jungsbaum und Mädchenbusch reisst uns auseinander, wir versprechen uns im Ziel. Und so laufen wir zwischen den Planeten umher, die Gravitation als Gegner, die Venus als Freundin und der Jupiter als große Kraft.  

Irgendwer hat Schilder aufgestellt, mit Zahlen. Das ist mir zu hoch, ich muss doch noch eine Runde. Laura ist schon da, mit dem Tageslicht, ich geht auf die letzte Runde und mit mir das Tageslicht hinfort. Tatsächlich gehe ich ein paar schritte nach dem Trog über die Studentenwiese. Steven lag am Trog, seine Achillessehne wurde neu getapt. Jetzt rennt er an mir vorbei, oder gehe ich so langsam. Wollte ich nicht noch heute ankommen? Also hoch die schweren Hufe, mehr als Trab geht nicht mehr. Immerhin kann ich zu Steven aufschließen und sogar passieren. Wir kommen ins Gespräch. Er Student, Montag Klausur. Top vorbereitet, von 0 auf Marathon. Aber immerhin schon dieses Jahr am Laufen. Eigentlich sagt die Erfahrung, das Marathon erst nach 2 Jahren Training gelaufen werde soll, weil die Knochen und Bänder nicht dem Muskelwachstum so schnell folgen können. Also geht Marathon doch nicht immer? Mein Weltbild ist in Gefahr, doch das Universum richtet es, Steven ist noch gut dabei.  


Schneller als wir die letzten Kilometer fressen, frisst die Nacht den Tag auf. Als wir die Sonne zum dritten Mal hinter uns lassen, erscheint der Mond über den Cappler Alpen. Vor uns erscheint Mustaffer. Ich habe ihn immer wieder ziehen gelassen, gegen Yvonne getauscht und kenne seine Geschichte. Der Verrückte hat letzten Jahr zwei Marathon gelaufen, dieses Jahr der Dritte. In Berlin, im September wird angegriffen, alles nur Training. Marathon geht immer. Und auf den letzten k-Metern ist der dann auch wieder nach vorne weg, die letzten Körnchen raushauen. Mit Steven laufe ich durch die Nacht, bis in der Ferne Stimmen zu hören sind und alle Lichter angehen. Der Sportplatz. Noch eine Runde. Laura warte geduscht und völlig entspannt, läuft noch eine halbe Runde mit. Verwandte bekannte von Steven auf der anderen Seite. Zusammen quern wir nach 42,xxx Kilometern leicht verspätet, aber vor Mitternacht die Ziellinien. Es gibt noch ein warmes Kaltgetränk und Dusche, und Yvonne. Wie versprochen am Ziel.  


Eine schöne Sache, durch die Nacht laufen. Leider etwas warm, so dass sich meine Füße etwas verdickt haben und der große Zeh keinen Platz mehr im Schuh gehabt hatte, jetzt macht er blau. Steven geht es auch gut, nur ist er jetzt süchtig, nach der Droge laufen. Diese Droge steht immer zur Verfügung und erst die Dosis macht das Gift.

 

Doch so ein Marathon, der immer geht, ist keine Überdosis. Und ganz sicher hilft der Marburger Nachtmarathon NICHT beim Entzug vom Laufen, Treffen von Verrückten und Verschieben von Grenzen.

 

 

…. meine Sucht zu leben.


Stoppomat Hoher Meißner, der Richter

17/04/11 Schwalbenthal, Hessen, Germany 

Bevor es Strava gab, wurden in Deutschland Stoppamaten instaliiert. Das Prinzip ist einfach, an einer Station wird eine Karte gezogen, persönliche Daten eingetragen und angekreuzt, welche Sportart gewählt wird. Diese Karte wird gestempelt und an den Zielpunkt geschleppt, wo wieder gestempelt wird. Dann wird die Karte in den dortigen Sammelbehälter unter letzter Kraft geworfen, die Auswertung macht der ehrenamtliche Betreiber und stellt die Zeiten zwischen Start und Ziel ins Internet

Das sieht dann so für die 7800 Meter lange und 470 Meter hohe Strecke aus, wenn mit dem Rad gefahren wird:


Klar zu sehen, das ich da schon 2010 gut drauf war und 2011 meine Bestzeit gefahren bin. Nicht zu sehen, das ich die üblichen 20-25% langsamer bin, als die Schnellen. Und doch fühle ich mich stark. Denn bei dem Stoppomat Hoher Meißner geht es auch um das Ankommen, nicht zu sterben. 

Die Strecke ist im Schnitt nur 6%. Das die ersten 2000m flach sind und oben auch noch 500m nur 2% haben, relativiert die Strecke. Dann sind es 9% im Schnitt. Zwischendurch 15%. Und niemals gleichmäßig. Eigentlich sollte die Strecke vorher mal runter gefahren werden, damit die Prozente erkannt werden. Aber das mit dem Radfahren kann ja fast jeder, so bin ich dann auch nur auf Platz 183 von 859 gelandet. Und so mal nicht Mainstream sein und hoch laufen. Ende 2016 schon mal gemacht.

Und jetzt wieder. Kein Problem, den das einzige Problem ist behoben, wir haben ein Taxi. Denn wer hochläuft, kommt da mal eben nicht wieder weg. Und so wird an einem kühlen Apriltag gestempelt, gelaufen, gelitten und geflogen. Die letzte heftige Steigung ist überschritten und dann geht laufen ganz leicht. Abgehoben. 


Dem Himmel näher wird an der Pforte zum Glück gestempelt. Eigentlich ist es die Zeit egal, wichtig ist die Entspannung nach der Anspannung.

Und Engel gibt nahe dem Himmel auch. Vielleicht ist es auch Fräulein Holle. Ich komme bestimmt wieder, ob mit Rad oder zu Fuß.